Weinreisetip

Prosecco

Billiges Gesöff oder Dolce Vita?


In Vorbereitung auf meine Prüfung zum WSET Level 3 bin ich irgendwann über die Proseccostraße gestolpert. Eigentlich war ich von diesem Getränk ziemlich voreingenommen. Billigster Schaumwein, bei dem man mit gespreiztem kleinen Finger anstößt. Am nächsten Tag Kopfweh und fertig.

Was soll ich sagen: ich habe meine Meinung geändert. Wie bei allen anderen Lebensmitteln hat man die Möglichkeit, billigst im Einzelhandel oder direkt beim Erzeuger sehr gute Qualitäten zu kaufen. Wobei günstig nicht immer gleich schlecht bedeutet, auch dies habe ich auf der Proseccostraße kennen gelernt. Wir sind bei unserer Reise an Weingütern vorbei gefahren, die Flächen hatten, soweit das Auge reicht und wo mich die Kellerei eher an die OMV in Schwechat als an einen Weinbaubetrieb erinnert hat. Wir hatten aber auch das Glück, in viele kleine Weinbaubetriebe zu kommen, bei denen der Winzer einem die Gegend und seine Philosophie erklärt. Natürlich wortgewaltig und mit Händen und Füßen, wie es sich für echte Italiener gehört.
Meine These hat sich wieder einmal bestätigt. Dort wo Wein wächst, sind auch eine sehenswerte Landschaft und meist nette Menschen. Dürfte wahrscheinlich mit dem regelmäßigen Konsum von alkoholischen Getränken korrelieren.

 

Die Anreise


Man sollte sich zumindest drei bzw. zwei volle Tage Zeit nehmen für die Gegend. Mehr geht natürlich immer. So nahmen wir uns den Freitag frei und fuhren zeitig in der Früh los. Einen Zwischenstopp haben wir in San Daniele eingelegt und dort ordentlich gefrühstückt.

Die Enoteca La Trappola in San Daniele ist vermutlich kein Geheimtipp mehr. Bester Prosciutto mit einer abwechslungsreichen Weinkarte und das Ganze in unkomplizierter Atmosphäre laden ein. Perfekt für ein ordentliches Frühstück für uns.

 

Das Quartier


Nachdem wir keinen großen Wert legen auf Sterne und eher Quartiere suchen, bei denen man von Einheimischen umsorgt wird, haben wir uns für das Casadesergio entschieden. Eine saubere Unterkunft mit ordentlichem Frühstück und das für €40,- pro Person im Doppelzimmer pro Nacht. Das Doppelzimmer ist eigentlich mehr ein Appartement. Man hat eine kleine Küche, einen Wohnbereich und das Doppelbett. Zwar alles in einem Raum, nur Bad und WC sind getrennt. Es ist sauber und man hat durch das überdimensionale Fenster einen Ausblick auf die Weingärten. Das Frühstück ist ordentlich und schmackhaft. Sergio begrüßte uns natürlich mit einer Flasche Prosecco und drei Gläsern. Gut gekühlt war das gleich der richtige Einstieg auf seinem Bauernhof. Ja ist wirklich einer. Abgesehen von seinem wuscheligen Hofhund hat er noch Enten, Gänse, einen Truthahn und mehrere Pfaue.

Pfauuuuuu

 

Die Rebsorte – Das Gesetz


Prosecco war bis Ende 2009 die Rebsorte. Nachdem man diese dann aber in der ganzen Welt anbauen und als Prosecco vertreiben hätte können, machten die Italiener einen meisterhaften Schachzug: Sie benannten die Rebsorte um in Glera und nannten das Gebiet DOC Prosecco, sodass die Herkunft geschützt war. Prosecco darf also nur mehr aus den Provinzen Venetien oder Friaul-Julisch Venetien kommen. Er kann als Stillwein, Perlwein (Frizzante) oder als Schaumwein (Spumante) erzeugt werden. In den Subzonen des Anbaugebietes Conegliano, Valdiobbiadene und Asolo genießt er den höheren und auch strengeren DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) Status. Durch die strengere Regelungen schafften sie es auch, die Qualität zu steigern. Die Strada del Prosecco befindet sich zwischen Conegliano und Valdiobbiadene. Dort führte uns auch unsere Reise hin. Die Toplagen sind Cartizze und Rive, wobei Cartizze für mich ganz klar an der Spitze steht. Eine Lage, die steil nach Süden ausgerichtet ist und einen sehr kalkhaltigen Boden aufweist.

 

Strada del Prosecco


Der Einfachheit halber beginne ich mit meinem Reisebericht in Conegliano und fahre westwärts. Ich werde in den drei Kategorien Weingüter, Kulinarik und Sehenswürdigkeiten jedes mal dieses System beibehalten.
Wenn ich ehrlich bin, ist in Conegliano nur die Burg sehenswert. Die Straße rauf ist sehr eng, dafür hat man oben direkt einen Parkplatz. Auch ist neben der Burg ein nettes Restaurant.

Von oben hat man einen herrlichen Ausblick und es ist ein guter Startpunkt für die Proseccostraße.

 

Weingüter


Vinzenco Toffoli


Zum Start bereits ein absolutes Highlight. Vinzenco Toffoli in Refrontolo ist ein sehr empfehlenswerter Betrieb. Durch die äußerst interessante Kost führte mich der Bruder des Besitzers. Von Anfang an merkt man sein überragendes Engagement. Toffoli hat Prosecci bereits ab €4,20 in sehr guter Qualität bis hinauf zu seinen Spitzenprodukten und auch eigene Jahrgangsprosecci werden angeboten. Wer dort nicht verkostet, ist selber schuld.

Großartige Verkostung bei Toffoli

Natürlich war ich begeistert und habe auch ordentlich eingekauft. Neben seinen Produkten aus der Glera Traube bietet er auch noch Roseschaumweine und auch Rotweine an. Hier bekommt man wirklich dolce vita in Flaschen gefüllt.

Giuseppe Liessi

Ebenfalls in Refronto, aber etwas versteckt, befindet sich das kleine Weingut von Giuseppe Liessi. Etwas abseits vom Schuss und deshalb nicht leicht zu finden. Mit Liessi habe ich über Sergio bereits eine Verkostung um 09:30 Uhr ausgemacht. Beide waren erstaunt, dass man schon so früh verkosten kann. Aber je früher umso weniger sind die Geschmacksknospen noch verfälscht. Giuseppe Liessi betreibt auf vier Hektar Weinbau und kauft von zwei Hektar Trauben zu. Auch er ist ein guter Tipp. Er erklärte mir die Erziehung der Reben, die Böden und auch schimpfte er über den Klimawandel, da er auch unter Spätfrösten leiden könnte.

Giuseppe Liessi bei der Erklärung vor seinem Weingarten

Auch er hat sehr gute Prosecci und baut auch noch eine sehr seltene Rotweinsorte, den Marzemino, aus. Unkomplizierter Wein für vier Euro die Flasche.

Cantina Colli del Soligo


In der Cantina Colli del Soligo hat man eine größere, breit gefächerte Auswahl. Soweit ich verstanden habe, kaufen sie Trauben zu und bereiten daraus Wein und Schaumwein. Auch werden noch von anderen Winzern Weine verkauft. Der persönliche Bezug geht dadurch etwas verloren. Faszinierend ist eine Weintankstelle. Die Leergefäße werden auf eine Waage gestellt und anschließend über einen Zapfhahn befüllt. Als ich dort war, konnte ich beobachten, wie gerade eine Kundschaft einen 25 Liter Blutzer mit Weißwein füllen ließ – Literpreis €1,30. Na dann zum Wohle.

Allesandro Bortolin


Bei Allesandro Bortolin legte ich einen Zwischenstopp ein, den man nicht unbedingt machen muss. Mittlerweile befinden wir uns bereits in Santo Stefano. Lediglich der naturtrübe ungefilterte Prosecco war interessant zu trinken. Die Dame in Beratung/Verkauf war sehr zurückhaltend und eigentlich für diese Aufgabe nicht besonders geeignet. Der Garten und der Ausblick laden jedoch zum Verweilen ein.

Bisol


Bisol macht eigenwillige Schaumweine. Diese sind meist ärmer an Kohlensäure, schwächer im Ausdruck, dafür aber geradliniger am Gaumen. Die Verkostung wirkte etwas elitär und hölzern. Der Betrieb dürfte von seinen Schaumweinen sehr überzeugt sein, immerhin haben sie ja bereits Parzellen in der Toplage Cartizze. Nicht falsch verstehen: die Qualität ist sicher gut bis sehr gut. Zum Ausgezeichnet fehlt aber doch noch ein Stück. Die Schaumweine von Bisol haben und werden Ihre Anhänger finden – ich gehöre nicht dazu, da ich mir von einem Prosecco, egal wie süß oder knochentrocken ausgebaut, etwas anderes erwartet.

Verkostung bei Bisol

Col Vetoraz


Das Gut Col Vetoraz bringt mich zu einem weiteren Höhepunkt und gleichzeitig zu einer guten Überleitung zur Kulinarik. Das Col Vetoraz liegt perfekt am Hang von Cartizze und bietet folglich einen großartigen Überblick. Der Verkostungssaal ist edel aber schlicht eingerichtet und das Personal fachlich äußerst kompetent. Das PLV ist gut, aber günstige Schaumweine sucht man vergebens. Die Verkostung kostet etwas. Mir ist das immer sehr recht, da dadurch das Gefühl des „Kaufzwanges“ sinkt. Begleitet wurde ich zuerst in englischer Sprache, bis die Dame mit meinen sehr intensiven Fragen über Cartizze offensichtlich überfordert war und mir deshalb eine deutschsprachige, in Ausbildung zur Sommeliere befindliche, Dame schickte. Auch dieses spontane Reagieren bürgt für Qualität.

Topfachkraft (links im Bild ;-))

Beim Col Vetoraz bekommt man wirklich Topschaumweine von der Lage Cartizze. Wenn man hier einkauft, kann man keinen Fehler machen. Die besten Prosecci kosten dann aber auch schon knapp unter €20,-. Das Terroir wird aber hier sehr gut heraus gearbeitet. Die Balance aus Frucht, Süße, Säure und dem kalkhaltigen Boden ist für mich hier am Besten gelungen.

 

Kulinarik


Gleich neben dem Col Vetoraz liegt die Osteria senz´Oste. Frei übersetzt – Wirtshaus ohne Wirt. Ein absoluter Höhepunkt. Hier werden in einem Raum Schinken, Wurst, Käse und Brot feil geboten. Das Ganze ist vakuumverpackt und ausgepreist. Anschließend geht man zur einer elektronischen Kasse – tippt den Gesamtbetrag ein – schiebt Scheine oder wirft Münzen ein und bekommt das Wechselgeld heraus.

Osteria senz oste


Muss man einfach machen. So kauften wir uns eine herrliche Jause aus regionalen Produkten, liehen uns nebenan, wo das Weingut Garbara eine Verkaufsstelle hat, ein Brett und ein Messer für € 10,- Pfand aus, kauften eine Flasche Prosecco Garbara Cartizze dazu, bekamen zwei Plastiksektgläser, setzten uns zu den Tischen und Bänken aus Paletten und genossen den Blick auf die Lage Cartizze. Das süße Leben war perfekt!

Dolce vita

Man hat auch die Möglichkeit, seine sieben Sachen mitzunehmen und ein Picknick in den Weingärten zu machen. Ich wiederhole mich gerne – Pflichtprogramm in dieser Gegend. Und an alle Gentlemen, die diesen Block lesen: überrascht eure holden Damen mit genau so etwas!

Blick von der Osteria senz oste auf Cartizze

Ristorante Locanda al Sole


Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass die Osteria senz´Oste im Westen liegt und ich dadurch mein System über den Haufen geworfen habe. Mit dem Ristorante Locanda al Sole begebe ich mich wieder östlich nach Rua. Nachdem dies neue Besitzer hat, riet uns unser Hausherr Sergio davon ab. Wir probierten es trotzdem aus und das war gut so. Abgesehen von der sehr umfangreichen Weinkarte – von Barbaresco von Angelo Gaja für schlappe € 200,- die Flasche, über seltene italienische regionale Spezialitäten, wie zum Beispiel Raboso, das Glas für € 3,50, über Francacorta, über Grünen Veltliner aus Österreich, usw. war auch die Speisekarte gut sortiert. Wir entschieden uns für Schinken und Käse als Antipasti, Lammrücken mit Romanesco mit Käsesauce und Beefsteak mit Rucola und Rosmarinerdäpfel als Secondo Piatti. Dazu etwas gegrilltes regionales Gemüse. Dazu versuchten wir jeder drei (oder vielleicht doch vier) Gläser italienischen Wein, welcher uns weniger bekannt war. Das Locanda al Sole hat eine Reihe von offenen weniger bekannten Weinen, sodass sie unseren Entdeckergeist weckten. Raboso war mein Highlight unter den Weinen. Die erste Beschreibung, die ich gegoogelt habe, beschrieb ihn als wild und zornig. Das passt zu mir.
Nach dem Antipasti waren wir eigentlich satt.

Antipasti

Trotzdem nahmen wir den secondo piatti zu uns. Wirklich gelungenes Essen. Insgesamt bezahlten wir für alles etwas über € 70,- , das war es ganz sicher wert.

Antica Osteria al Forno


Die Antica Osteria al Forno befindet sich im Zentrum von Refrontolo. Ein sehr empfehlenswertes Lokal. Die Besitzer streben nach hoher Qualität bei den verwendeten Produkte und deren Verarbeitung, dafür gibt es keine Karte. Die Karte wird von der „Frau Ober“ aufgesagt. Es gibt jeweils vier Gerichte bei primi, secondi und dolce. Mein Menü war Weinbergschnecken auf Polenta, Kaninchen ebenfalls auf Polenta und als dolce ein Mix aus Tiramisu und Pana Cotta mit einer Schicht Lakritze oben drauf. Dazu einen Aperitif und eine Flasche Prosecco extra trocken von höherer Qualität.

Antica Osteria al Forno

Das Lokal hat lediglich acht Tische, deshalb ist eine Reservierung unbedingt erforderlich. Leider haben wir erst nach unserer Bestellung erfahren, dass die Spezialität des Hauses Steak ist. Dieses wird direkt im Gastraum neben einem holzbefeuerten Ofen auf einem Grill vom Chef persönlich zubereitet. Nächstes Mal werden wir dies sicher probieren, auch weil alle anderen Gäste, ausschließlich Italiener, das Steak als Secondi bestellt haben. Der Gesamtbetrag für zwei dreigängige Menüs und Prosecco war mit etwas über €80,- nicht übertrieben.

Sehenswürdigkeiten


Auch in Refrontolo, etwas abseits, aber gut beschildert liegt die Molinetto della Croda.

Molinetta della Croda


Ein wirklich entzückendes Platzerl. Sollte man unbedingt besichtigen. Eine alte Mühle, die mittlerweile im Besitz der Gemeinde ist, gut restauriert und auch ein Museum ist dort beheimatet.
Weiters besuchten wir, wie schon am Anfang erwähnt, die Burg in Conegliano, die Kirchen von Follina und Santo Stefano. Da die Proseccostraße nur 35 Kilometer lang ist, empfehle ich unbedingt, nicht die kürzeste Strecke zwischen Conegliano und Valdiobbiadene zu nehmen, sondern wirklich die ausgeschilderte Proseccostraße zu benutzen. Zum Entdecken gibt es unterwegs genug.

 

Die Heimreise


Nachdem es nicht mehr weit nach Treviso war, nahmen wir die Stadt auf unserem Heimweg noch mit. Das Zentrum mit seinem Dom ist sehenswert. Danach machten wir uns auf den Heimweg, bis wir ein Schild sahen, auf dem stand, dass es nach „Tschesolo“ nur mehr zirka 40 Kilometer sind. So beschlossen wir, unseren Ausflug mit den Füssen in der Adria und einer Pizza in einem für Ende März sehr belebten Restaurant ausklingen zu lassen.

Dann ging es aber wirklich nach Hause.

 

Fazit


Die Proseccostraße ist immer eine Reise wert. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir dort waren.
Das billige Gesöff hat sich als durchaus brauchbar erwiesen. 72 Flaschen haben wir mit nach Hause genommen, für diejenigen die mich in nächster Zeit besuchen werden, als kleine Warnung.
Entlang der Proseccostraße einfach die Augen offen halten und mutig erkunden.

Bleibt uns treu, cin cin und genießt mehr Wein, oder auch Schaumwein.